Die Gefahren des Talentbegriffs

Vor einigen Tagen war ich als Referent bei einer Trainerausbildung im Einsatz, bei der Talententwicklung eines der zentralen Themen war. Ein Zitat von Bundestrainer Jacob Oehlenschläger der ebenfalls als Referent dabei war blieb dabei besonders bei mir hängen: „Wenn du ein Kind Talent nennst hast du eine gute Chance, eine potentielle Karriere im Keim zu ersticken.“ Das klingt vielleicht erst einmal komisch, aber es macht aus meiner Sicht aus mehreren Gründen sehr viel Sinn.

Besonders bei Sport und bei künstlerischen Themen ist der Begriff Talent allgegenwertig und ich bin mir sicher, dass wir ihn alle schon unzählige Male benutzt haben. Aber warum soll das so gefährlich sein? Die meisten Leute sehen Talent als etwas, dass einen Menschen dazu befähigt, schneller zu lernen als Andere und in den meisten Definitionen ist die Rede von einer begabten Person, die in einem gewissen Bereich überdurchschnittliche Leistungen erbringen kann. Aber was bedeutet das genau? Ist Talent etwas, dass man lernen kann oder wird man damit geboren? Bislang gibt es hier aus wissenschaftlicher Sicht keine eindeutige Antwort, doch für die meisten Leute scheint Talent etwas Gottgegebenes zu sein und hier beginnt Talent für einen Sportler gefährlich zu werden.

„Wenn du ein Kind Talent nennst hast du eine gute Chance, eine potentielle Karriere im Keim zu ersticken.“ – Jacob Øhlenschlæger

Talent als der Schlüssel zum Erfolg?
Wenn man erfolgreiche Leute nach dem Grund für ihren Erfolg fragt haben ihre Antwort meistens eines gemeinsam: jede Menge harte Arbeit! Egal wie schnell man lernt oder wie leicht einem manche Dinge zufliegen, am Ende muss man viel Arbeit investieren um sein Potential zu nutzen und einer der Besten zu werden.


Stell dir vor du hast zwei Spieler und du nennst nun einen von ihnen „Talent“. Was bedeutet das für ihn? Beginnt er jedes Spiel mit Extrapunkten? Kann er weniger im Training investieren als andere? Natürlich nicht! Er hat keinen wirklichen Vorteil als Talent bezeichnet zu werden, warum sollten wir sowas also tun?


Die Ansicht von Talent als etwas gegebenes führt leicht zu einem sogenannten „fixed mindset“, ein Gefühl der Vorherbestimmung, bei der man selbst den Eindruck hat, keine Kontrolle über zukünftige Entwicklungen zu haben. Im Falle eines Erfolges ist Talent der Grund dafür. Im Falle eines Misserfolges führen Leute mit einem „fixed mindset“ dies meist auf Pech zurück oder aber, dass der Gegner einfach noch talentierter war. Mit so einer Einstellung macht es keinen Sinn, sich wirklich anzustrengen und viel Arbeit zu investieren, wenn man denkt, dass die eigenen Bemühungen keinen wirklichen Einfluss auf die Ergebnisse haben.


Erfolgreiche Leute haben dagegen die Überzeugung, selbstbestimmt zu sein und Einfluss auf ihre Zukunft nehmen zu können. Für sie ist die investierte Arbeit der Grund für ihren Erfolg. Dieses sogenannte „growth mindset“ ist etwas was auch erfolgreiche Athleten gemeinsam haben und als Coach möchte ich, dass auch meine Athleten eines haben!
Was ist Talent?


Viele Trainer und Eltern begründen Talent mit Ergebnissen, aber besonders in jungen Jahren, wenn der durchschnittliche Trainingsaufwand noch gering ist, spielt besonders die motorische und körperliche Entwicklung eine große Rolle. In U11 ist es ein unglaublicher Vorteil, wenn man größer und kräftiger ist als der Gegner und jeden Ball an die Grundlinie spielen kann. Frühentwickelte Kinder werden daher vermutlich gegen andere Spieler sehr oft gewinnen, selbst wenn ihre Gegner vielleicht viel mehr Bewegungsbegabung mitbringen. Anders als technische Fähigkeiten werden die körperlichen Vorteile mit der Zeit aber automatisch verschwinden.


Natürlich gibt es auch Faktoren, die Menschen von vorneherein helfen Dimensionen zu erreichen, in die andere nicht vorstoßen können. Besonders im Sport spielen natürlich auch körperliche Voraussetzungen eine große Rolle und einige dieser Faktoren sind zum Teil durch unsere Gene vorbestimmt. Die Komplexität einer offenen Spielsportart macht es trotzdem unmöglich vorherzusagen, ob ein Kind es einmal an die Spitze schaffen wird oder nicht. In vielen Sportarten gab es bereits Studien zu diesem Thema und alle kamen im Endeffekt zu dem selben Schluss: du musst ein Wahrsager sein, wenn du zuverlässige Aussagen über die Zukunft eines jungen Sportlers machen willst.


Während meiner Zeit als Badmintonspieler habe ich mehr als nur ein paar Spieler erlebt, die durch Trainer und Eltern als großes Talent in den Himmel gelobt wurden. Viele von ihnen schafften es am Ende nicht annähernd an die Spitze im Elitebereich und ich bin mir sicher, dass es häufig die Bürde des Talents war, die zum falschen mindset führte und ihnen letztendlich im Weg stand.


Ein echter Champion wird nicht geboren sondern gemacht und um an die Spitze zu kommen braucht man eine unglaubliche Willenskraft und Beharrlichkeit. Ich denke wir sollten uns alle bewusst sein, dass wir unseren Spielern mit dem „Prädikat Talent“ vermutlich nicht helfen, sondern ihnen eher eine zusätzliche Herausforderungen auf dem Weg zum Erfolg stellen.


Tobias Wadenka

Eine Antwort

  1. Sehr gut erklärt Tobi und auch die psychologischen Begriffe “fixed” und “growth” mindset sind hier perfekt auf die gegebene Situation angewendet. Gerne mehr von solchen Artikeln mit wissenschaftlichen Hintergründen ?

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